Reife

September 2019

September2019

Kummer erwächst stets aus der verrinnenden Zeit, die ihre Frucht nicht ausgereift hat.
Antoine de Saint-Exupéry

Reifegrad einer Ananas bestimmen.

Nur wenn sie reif ist, fällt des Schicksals Frucht!
Friedrich Schiller

Der wichtigste Reifeprozess des Weins ist die Veresterung.

Reife ist, wenn man das Vollkommene nicht im Ungewöhnlichen, sondern im Alltäglichen sucht.
Hugo von Hofmannsthal


grauzone, silberzeit

vereinzelt
durchzogen
das wundersame
braun
von vorwitzigem
silber:

drahtig lockt
die reife

<© Diana Jahr>


AnFürSich

an sich arbeiten
nach dem inneren Frost
zählt nur

das Hier und Jetzt
der Leib fast auf dem Leichenhaufen
die Freunde
fauchende Schlangen

an sich arbeiten
nach dem inneren Regen
zählt nur
aus dem Zelt kriechen
der Kugel des Lichtes harren
den Augenblick entgräten
eigensinnig sein

an sich arbeiten
die Drogen unter Blättern verscharren
die spärlichen Schmetterlinge bewundern
an der Milch trinken

sich selbst streicheln
man ist doch wer
es gibt mich

noch

<© Harald Kappel>


86400 sekunden

am tage
den menschen im blick
manche dinge tun
andere reifen lassen

am abend
die bilanzen schönen
das glück des tages
in die träume geleiten

in der nacht
wege der engel studieren
die leere zwischen den sternen
mit schweigen füllen

am morgen
der hoffnung raum geben
und noch einmal
bei null beginnen

<© Jörg Zschocke>


ReifeZeit

Damals:
Mutter kochte Essen,
Vater erzählte von der Arbeit;
ich saß am Tisch, las oder schrieb
vom Erwachsen sein

Genieße deine Kindheit
wurde mir gesagt

Heute:
Sortiere Unterlagen,
zahle Rechnungen;
mit etwas Zeit zeichne ich
oder verfasse Utopien

Abends
bringe ich meine Söhne ins Bett

<© I.J. Melodia>


.

über der uhr ein halo
geschöpft
vom boden der längst
niedergerissenen tenne
von dort
sickert licht
durch die ritze fällt
dem staub nach
hinab
droben das ausgedroschene
korn schwer lastet’s
biegt die balken
hinein in den grund
über der uhr schwimmt
der giebel
preßt ein stummer
hahnenschrei
die zeiger weiter

<© Kathrin Külow>


Abnabelung

In der Wüste gibt es viele Steine
Du wirst sie schöpfen müssen
Deine Hände können sie nicht halten

Vielleicht wird irgendwo ein Kaktus stehen
Du kannst ihn schlagen
Er wird feucht sein

Die Nächte sind kalt
Drum kehre die Schatten am Tage
Sie werden dich decken

Und wenn du dich bettest
Schau auf zu den Sternen
Wenn auch der Mund lechzt

Du wirst dich erinnern

<© Sabine Fenner>


im licht des lebens

der wind, der über dem feld steht
die sterne, ihr wimpernschlag in der nacht
alle geschöpfe, behauste und unsichtbare
führen uns zu uns
alle bäume und menschen, ihre sprache
im regen im licht alle worte
die trösten die wärmen, alle namen
schreiben sich in die haut am ende
füllen sie uns bis zum grund

<© Gabriele Pflug>


Herbsttraum

Noch liebkosen
den Stamm meiner Träume
wehende Blätter.
Ein Kind steigt hinauf
und trägt eine Ahornkrone.
Um meinen Hals hängen Feuerworte,
sonnengebrannt
und entkernt.

Noch streifen
den Stamm meiner Träume
Kinderhände
und kosten gereifte Worte,
die den Sommer bergen.

Manchmal werfe ich dir eins
durch die Nacht.

<© Sigune Schnabel>


wieder einmal

die alte haut abstreifen –
wieder einmal –

ein letztendlich
gibt es nicht

das leben bewegt
erneuert sich

ständig

<© Barbara M. Hauser>


Sternschnuppen-Träume

In meinem Herzen fallen
Sternschnuppen vom Himmel.

Sie sind nur für den Wachsamen zu sehen.

Schlummernde Träume.
Vergraben aus Angst.
Bedeckt mit goldenem Staub.

Doch –

Nicht alles was Gold,
ist edel und rein.
Der Maskenball lädt zum tanzen ein.

Heimlich muss reifen, was nichtig erscheint.
Um dann wie ein Blümchen durch den Asphalt zu brechen.

Der Asphalt muss brechen!

In die Welt müssen sie fliegen,
als zahlreiche Lichter,
für viele Gesichter.
Sternschnuppen-Träume.

<© Julie Greiner>


Upgrade

In den Wangentaschen die Zeit hamstern.
Den Mundvorrat an Sprache über die Lippen
promenieren lassen.
Der Stimme Flügel geben.

Biegsam sein ohne zu brechen.
Mit den Wurzeln der Weide
durchs Flussbett waten.
Einen Juniwunsch vergraben.

Eine Blumenwiese ausrollen für
die Gedanken die einhergehen
wie die mondlose Nacht.
Beobachten wie an warmen Tagen
die Knospe einer Möglichkeit sprießt.

Zwischen die Rippen greifen, atmen…
Platz schaffen im Herz, das vergessen hat
wie man liebt…

<© Marina Maggio>

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