Herbst

Oktober 2017

Herbst eines sich neigenden Jahres. Herbst des Lebens.

Zeit des Übergangs, Zeit der Einkehr. Draußen wird es kälter.

Gemeinsam wollen wir dazu beitragen, dass es in unseren Herzen wärmer wird.


LEBENSKÜNSTLERIN

Tief und weit verzweigt deine Wurzel,
erzählst eine große Geschichte.

Du bewahrst dich selbst,
du Überlebenskünstlerin.

Hunderte Winter kannst du überleben.
Kräftig in der Wurzel – Lebensbaum.

Keiner kann mehr über die Ewigkeit erzählen.
Heilig bist du!

Tobende Stürme, mangelhafte Ernährung,
gleichst du wissend aus.
Dein dynamisches System speichert kräftig.

Unter der mächtigen Krone nehmen wir gerne Platz.
In der Hoffnung, das Leben so gut zu meistern wie du.

<© Xenia Hügel>


und es geschah …

zu hören wie der zarte Wind
mit bunten Blättern spielte …

zu spüren wie er sanft
die Haut berührte …

zu sehn wie er zwei kleine Bienen
nah bei unserer Bank
zum letzten Tanz verführte …

und es geschah dass Schweigen
uns zur Wohltat wurde

<© Barbara M. Hauser>


rückblick

in den engen gassen meiner jugend
verstopfte die sehnsucht alle pläne
staute sich die hoffnung am morgen

in der nische des kleinen cafés
spannte ich meine träume
über die kluft zum gestern

mit einem schneemantel über der seele
ging ich am großen fluss entlang
der sommer war auf der anderen seite

als sich die finsternis neben mich legte
kamst du über den regenbogen
und sprachst von liebe

<© Jörg Zschocke>


 

herbst

schreiben soll ich
vom herbst und bin doch herbst
unbeschreiblich

<© Monika Reinfurt>


deiner stirn

am bahnsteig des septembers
hält ein zug
inne

bevor er weiter reist
durch namenlose zeit

von deiner stirn
abwärts

nennst du mich
herbstgeliebte

<© Diana Jahr>


Herbstliches

Die Dämmerung
Die sich auf den Ebenen niederließ
Schlug ins Herz

Unter der Haut
Brennt, was übrig blieb

<© Sabine Fenner>


Herbst

Ich weiß nicht,
wann die Farbe von der Sehnsucht blätterte,
die ich auf meinem Fluss zu weiten Wassern sandte.
Rostig und kalt ist sie gestrandet.

Vergessen habe ich den Wind,
der aus mir blies und Sanddornfrüchte
sommers auf den Grund des Bootes wehte.

Als ich auf Holz vor rotem Horizont erwachte,
lagen Kuckuckseier unter meinem Körper.
Vergangenheiten schlüpften,
ein Ruf nach letzter Nahrung,
allein der Herbst barg nicht genug
für sie und mich.

<© Sigune Schnabel>


Herbstschmerzmomente

kein Moment so toll wie dieser
für Melancholie-Genießer
und all die lebensmüden Alten
um Abschiedsfeste zu gestalten

mit welken Blättern farbenfroh
an Bäumen die da lichterloh
brennen bis nur noch die Äste
sich als karge Trauergäste

rabenschwarz im Schmerze zeigen
und dem Schnee entgegen schweigen
auf dass er unter sich die Schübe
herbstlicher Schwermut bald begrübe

und endlich selbst herniederfalle
wie Blätter Menschen und wie alle
Dinge die haltlos im Wind
treiben wenn der Herbst beginnt

<© Simon Felix Geiger>


erinnerungsschnipsel

die rückkehr zu papier
dem geruch nach früher
es war einmal
ein altes kind mit großen augen
und ein nachmittag
voller regen

<© Gabriele Pflug>


abschied

es liegt ein abschied
in den nebelgrauen tagen
ein leises weh und ach
hängt zitternd am entlaubten
tastet mit frostbereiften
fingerspitzen herzwärts
lehrt stille nehmen
nähe geben
ein licht entzünden
und schützend halten
die noch verbliebene zeit

<© Isabella Kramer>


blätter im wind

blätter im wind
sanft geschaukelt
ein heiterer tanz

blätter im wind
eine unruhige reise
durch den sturm

blätter im wind
fallen so leicht

so sanft zerrissen

wind
eine zarte brise
schneidend scharf

wind
aufschwung und
niederdrückender fall

wind
getragen sein und
fallen gelassen werden

so spürbar fern

blätter
gezeichnet vom leben
individuell

blätter
in bunten farben
und sterbendem braun

blätter
vom baum genährt
dem wind getragen
zur erde fallend
zerfallen

lange verwandlung
wertvolle nährstoffe im boden
altes bringt wieder frucht
neues kann entstehen

zersetzte blätter
eine lange verwandlung
umhüllen warm einen kleinen samen

<© Julie Greiner>


herbstlied

metallisch klangen die worte
dufteten die wälder nach wildschweinen
die durch den kastanienherbst trotteten
eine ganze rotte eine trotte voll wein
tranken die jäger vor dem ersten schuss

du summtest mit den letzten wespen
das klagelied
licht verdampfte im nebel

übrig vom jahr blieb
eine gravur

herbstlied

(die brille zurückgelegt ins etui)

<© Werner Weimar-Mazur>


Advertisements

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anne sagt:

    Ein – virtuelles – Café zum Verweilen. Ein Café, das zum Bleiben einlädt, zum Runterkommen. Sich Zeit nehmen, weil verdichtete Worte und Gedanken Zeit einfordern, ihr lesendes Gegenüber in ihren – herbstlichen – Bann ziehen, begleitet von Bildern, die Sehnsucht verströmen. Und dann bei einer Tasse Tee herumstöbern und lesen, wer sich hinter den Worten verbirgt und wer da noch mehr von sich entdecken lässt. Aufregend!
    Ich glaube, ich werde Stammgast werden.

    Anne

  2. jorgetraum sagt:

    Ihr lieben Co-Autoren, an einem klaren Herbstmorgen wie diesem entfalten eure Texte eine ganz besondere Dynamik. Hinter der schützenden Fensterscheibe eines warmen Wohnzimmers genieße ich meine erste Tasse Cappuccino. Nach jedem Schluck ein Gedicht. – sentimental? – Nein, praktisch, weil es das Lesen verlangsamt und Raum für’s Reflektieren schafft.

    Ich bin in Kanada. Wieder einmal geht ein Riss durch meine Seele. Draußen beginnt der Indian Summer. Das ist in diesem Land einfach eine wunderschöne Jahreszeit. Aber die Sprache ist mir fremd. Ich beherrsche Englisch. Kein Problem. Doch die Lyrik kommt in Deutsch zu mir. Deshalb sind eure Texte mehr als ein Heftpflaster über einer Wunde, die nie heilen wird.

    Eure Texte enthalten so viel Feingefühl, Leidenschaft und Humor. Sie zeigen mir, dass der Herbst tausend Facetten hat. Ich danke euch für eure Beiträge, die ich als Trost und Herausforderung zugleich betrachte.

  3. Orit Chazara sagt:

    Auch ich werde Stammgast sein in diesem Café, in dem man jeden Monat auf eine neue poetische Reise mitgenommen wird.
    Eure lyrischen Worte über den Vorboten des Winters sind so stimmungsvoll, fein gesponnen und auch auf eine sehr schöne Art sentimental.
    Nach vielen Jahren in Israel hatte ich nur noch eine vage Erinnerung an solche herbstlichen Momente und Stimmungen: grau-trist-feucht und doch auch farbenfroh-leuchtend … erlebe es nun wieder in Deutschland und tauche in eure Gedichte ein!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.