Marina Maggio

Es gibt ein paar Berufe, die ich für schwierig und wichtig zugleich halte. Um nur drei zu nennen: Sonderschullehrer*in, Krankenschwester, Altenpfleger*in.

Ich empfinde es als Glück, drei ganz besondere Frauen aus diesem Bereich zu kennen. Die erste ist Amerikanerin, lebt in Alaska, ist über 60 und fährt noch bei MINUS 40 Grad im Hundeschlitte zu ihren Patienten, frei nach dem Motto: „Wenn es für die Hunde nicht zu kalt ist, fahren wir.“

Die zweite ist Schweizerin, seit einem Jahr pensioniert und im Moment in einem umgebauten Feuerwehrauto am Baikalsee unterwegs.

Die dritte Frau aus diesem Bereich kenne ich nur über die Sprache. Eine Sprache, die es in sich hat. Direkt, ohne zu verletzen. Zärtlich, ohne süßlich zu wirken. Menschlich, ohne falsche Nachsicht. Präzise, ohne sich zu verlieren. Lehrreich, ohne Langeweile. Entschieden, ohne zu dramatisieren. Entlarvend, ohne seelischen Striptease.

Aber bitte macht euch selbst ein Bild!

<JZ>

Was Marina über sich sagt:
Ich bin Mutter, reglose Nacht, Versflüsterin, Frau, sanftes Tier, ein Kind, das Geschichten liebt, Maulwurf, buchstabenbesiedelte Landschaft, Mangrovenwald, Nachtschattengewächs, Fluss über den ein schmaler Steg führt…aber ihr könnt mich auch Marina nennen, wenn ihr wollt.

Anleitung beim Wandern

Um durch meine Landschaft zu wandern
leg den Rucksack ab die Kleidung die Schuhe
leg den Seismografen zur Seite den Sextanten
das Buch mit den Sehenswürdigkeiten

geh barfuß geh auf Knien schließe die Augen und sieh
taste dich entlang der Biegung meines Körpers
durch die Haut die spürbar frei ist von
Grenzen Polverschiebungen Erdverwerfungen
lass dich am Hals herab raste zwischen zwei Gipfeln

lausche dem Rauschen des Blutes folge dem Fluss
umkreise den Nabel, sprich ein Gebet
blende den Lockruf der Zivilisation aus
die wilden Tiere das Knistern der Baumrinden
das Heulen des Windes das Knurren Seufzen Stöhnen

nimm dir Zeit atme den Nebel ein der von
der verschwitzten Erde aufsteigt
lass die Lippen kosten von der Feuchtigkeit
die osmotisch hervorperlt aus den Poren

bette dich ins weiche Moos lass dich umrahmen
vom Duft wilder Orchideen und Brombeersträuchern
entschlüssele den Code des Lebens und stirb…

TAUSCH

Komm und gib mir dein blondes Haar
und nimm du mein schwarzes lockiges.

Nimm mir die Augen, die dunklen, wurzelfernen
und gib mir deine blauen, himmelaufwärts-
schwebenden.

Komm und gib mir deinen vielversprechenden
granatapfelroten Mund und nimm meine
dürstenden Lippen.

Nimm dir meinen ungestempelten Pass
mit den blutenden Fingerbeeren dazwischen.

Zieh dir meine Haut über und dann
versuche, den Kopf über Wasser zu halten,
während du ans fremde Ufer gespült wirst.

Vorahnung knöchern

Schreibt nicht jeder Dichter wenigstens
einmal von der Depression, wenn das
zuvor verhüllte Schweigen vom Donnerschlag
und Platzregen unterbrochen wird und er

abwärts steigt, die hölzernen Stufen vom
Dachboden hinunter, dort wo auf den Regalen
Sommerfrüchte wie Kindheitserinnerungen
eingelagert sind?

Und nimmt er dann nicht unbeabsichtigt das
im Spinnennetz gewebte Zittern der hilflosen
Fliege mit?

In der Stube dann, wo die Wärme des Kamins
das laue Blut in den Schläfen erhitzt und die
Fontanelle sich erschöpft senkt um Sprache zu
gebären, schmuggeln sich die ersten Verse ein

und schreien, das Leben, das Leben, nicht der
Tod sammelt das bei Vollmond gespeicherte
Licht der Johanniskrautblüte.

Aber der Tod ist es, der für jedes Fleisch den
passenden Stachel hat, auch für den Poeten,
der mit Stift und Papier die Fähigkeit besitzt,
die knöcherne Vorahnung zu erspüren.

Und das tut er auch. Zwischen den täglichen
Pflichten, dem hin und herlaufen in wurzellosen
Schuhen. Sesshaft werden für kurze Zeit im Park
oder auf der Bank vor der Apotheke.

Von der Arbeit aus, während er Zahlen anhäuft für
die Bilanz und sie nach Größen sortiert, frei aus dem
Handgelenk heraus… routiniert wie der Pulsschlag
eines Suizidalen, der den Feierabend herbeisehnt,

für den nächsten Dachbodengang, die hölzernen
Stufen hinauf, dort wo Kindheitserinnerungen
eingelagert sind wie Sommerfrüchte…


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