Stille

Oktober 2018

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Wer die Stille ertragen kann, ist niemals allein.

Stille Wasser sind tief.

Die Firma „Orfield Laboratories“ in der USA hat einen Ort geschaffen, in dem 99,99 Prozent der Geräusche absorbiert werden. Niemand hält es länger als 45 Minuten in dem schalltoten Raum aus.

Stille im Auge des Hurrikans.



Auch diesmal

Erneut ist für mich der Oktober
der wirkliche Monat der Stille.

Wenn unverhofft Zirpen der Grille
ertönt unter Gelb und Zinnober,
dann bleibe ich stehen zum Lauschen,
berühre die Spätsommererde
mit einer vertrauten Gebärde,
versinke allmählich im Rauschen
der Bäume, die Farben noch schmücken
und fühle den Wind in mich dringen.

Das Laute fällt von mir in Ringen –
ich atme, um Ruhe zu pflücken.

<© Elke Kaminsky>


Blütezeit

einsam trieb sie seine Stunden
fern von all dem Lauten ab
tief im Innersten entschwunden
Kreise formend – bis nach unten –
gab ihr Schweigen sich hinab

am Ufer seiner Seele blieb es
für Sekunden jahrelang
über Redeflüsse trieb es
wie ein Liebeslied entlang

schließlich zog es seine Runden
in das was schon schien passé
durch die Jahre – in Sekunden –
half es heilend beim Gesunden
der verwelkten Orchidee

<© Simon Felix Geiger>


stille

vom lauten des tages zum murmeln des abends zum stillen der nacht. hier wachsen gedanken – über sich hinaus – manchmal zum gedicht. stille gebiert sich selbst, wirft jedes wort auf sich selbst zurück. sinne verschieben sich, synapsen, in der dunkelheit gibt es (kein) licht, in der stille, (k)ein wort. stille ist nur ein wort – hörst du die gedanken fliegen?

<© Diana Jahr>


Mutter sagte:

stille Wasser sind tief

seither versuche ich
stille Wasser auszuloten
bis auf den Grund
und stoße immer
nur an meine eigenen
Grenzen

<© Monika Reinfurt>


Little

Heute ist kein Tag für big things
Die Pinsel stehen kerzengerade im Glas
Verschmähen meinen Handgriff
Farben sammeln sich neu
Um sich zu emanzipieren

Heute ist ein Tag der Stille
Die Worte ruhen auf der Fensterbank
Angesichts der Weite machen sie sich lang
Und vielleicht werden sie morgen positiv gestimmt sein
Um sich wieder aneinanderzureihen

<© Sabine Fenner>


Definitionen von ‚Stille‘

Geheimnisvoller als die bloße
Abwesenheit von Geräuschen.

Das fragende Schweigen
hinter den Worten.

Die innere Ruhe
in der Mitte des Lärms.

Die Kreise des Kondor
an den Flanken der Anden.

Der Augenblick nach
zersplittertem Glas.

Die Leere auf
einem Blatt Papier.

Der Blick eines
Demenz Kranken.

Die fragende Stille
bei großem Schmerz.

Die Unwissenheit
im Auge des Hurrikans.

Die eisige Lautlosigkeit
einer hellen Polarnacht.

Die Totenstille
über Gräberfeldern.

Die Sprache der Einsamkeit,
nachdem du gegangen bist.

<© Jörg Zschocke>


Menschsein

Aus dieser vollkommenen Stille
diesem unendlichen Jetzt
formen sich lebendige Worte.

Was der Geist vermittelt,
das liebende Herz uns zuflüstert,
schreibt die Hand –

ist Geschenk an das Leben – denn,

eins sind Schreiber und Welt
mit ihren vielen Facetten –

<© Barbara M. Hauser>


Singe über mich

I.
Welches Lied singst du über mich kleinen Menschen?
Welchen Klang hüllt es ganz ein?
Welche Farben darf es tragen?
Zu welchem Rhythmus die Noten tanzen?

Oh könnt´ ich es nur hören,
das Lied, das du über mich singst.
Oh könnt´ ich sie nur glauben,
die Melodie, die deine Worte umspielt.

Sanft würde dein Lied mein Herz wiegen,
meine Sorgen verfliegen bei dir.
Warum hab´ ich dich verloren-
habe ich mich verschlossen vor dir?

Ich bin müde vom langen Kampf,
vom Tinnitus geplagt.
Träume von deinem Lied in der Stille,
das mich sanft wiegt in den Schlaf.

II.
Dein Lied ist Liebe.
Deine Worte sind Licht.
Deine Melodie ist Gnade.

So singe über mich.
Singe über mich, das Lied der Liebe.
Ich will es hören
und den klaren Klang deiner Stimme,
die Reinheit deiner Worte.

Denn dein Lied ist Liebe,
deine Worte sind Licht,
deine Melodie ist Gnade.

<© Julie Greiner>


Hundert Stimmen oder mehr

Auf der Wiese der Busch
schwarz gepunktet
auch der Baum daneben
hundert Stimmen oder mehr
Junge neben Alten
wissen zu erzählen
ob der Sommer fruchtbar war
warm und genug Regen
laut tönt hier die Starenschar
weithin ist sie zu hören
sie murmeln schwatzen knarren pieps…
~
(kein Laut mehr zu vernehmen)
~
…erneutes Piepsen Schwatzen Rufen
Singen und Aufflattern
hundert Flügelschläge oder mehr
verlassen das Geschehen

<© Monika Meise>


Ausgerissen

Ich habe meine Welt
entwurzelt.
Ameisen wohnen darunter
und Würmer,
die flüchten
vor so viel Sonne.

Am Morgen streiche ich dir
das Licht von der Stirn.
Auf deinen Lippen
bricht das Schweigen
in zwei Teile
und fällt
über die Ränder.

Stille gräbt sich
tief ins Tal.

<© Sigune Schnabel>


Still

still – schweig
du herz du töricht ding
herbst blättert zittert
wind

es singt nun
keine amsel mehr
licht weicht schafft raum
der dämmerung
dunkle schwingen
traum

frost droht dein innen
auszulieben

schweig still
du herz du töricht ding
im nebel
wird dich keiner finden
so schweig doch bleib

bei mir

der goldene herbst
er wird schon reichen
für uns zwei

<© Isabella Kramer>


Das Spiel von Zeit

Die tage fallen wie kastanien
wie schwere worte in gedichten
wie stille fällt
in einem leeren raum.

<© Werner Weimar-Mazur>

Es gibt das Gedicht auch in der italienischen Übersetzung, die Werner noch angefügt hat.

Il gioco del tempo

I giorni cadono come castagne
come parole pesanti nelle poesie
come cade il silenzio
in una stanza vuota.

übersetzt/tradotta von/da „Emy“ Emiliana de Fortis (Myriam Eröss), München/Monaco (Bayern/Baviera) und/e Lodrone/Trentino, 2002,
veröffentlicht/edita 2003 in „Adesso-Online.de“


die stille

ist ein heiliges land
eine verbeugung vor weißen tönen
eine waschung mit handverlesenen gedanken

weiter nichts als
atemholen unter ruhigem wasser
der letzte schlaf in der mulde des himmels

<© Gabriele Pflug>


STILLLEBEN

…und so kämpfe ich um deine Liebe, den Sieg um dein Herz.
Möchte in dir verwoben sein wie unser ewig grüner Teppich, möcht mit dir verschmelzen, mich verbinden.
Von der Raupe zum Schmetterling verwandele ich mich zuerst für mich. Um uns ein wir zu kreieren brauche ich auch dich!
Ich ziehe mich an dir und du dich an mir hoch. Wir finden das Wesentliche, erheben uns aus der Fläche, arbeiten uns heraus.
Das ist unsere Verbindung. Bringen es: ineinander verschlungen und zusammengeworfen, um ein nie geahntes großes Kunstwerk zu erbringen.
Umarme dich in meiner Liebe und halte dich fest, bis wir zu Steinen werden. Will nur die Ewigkeit mit dir verbringen! Bis wir uns auf dem Bilde als Stillleben wiederfinden.
Fangen wir am Anfang an – …

<© Xenia Hügel>

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. o)~mm sagt:

    Schön, dass die Stille in den verschiedensten Zeilen ihren ganz eigenen Platz hat.

    Gern in Stille hier gelesen,
    grüßt Syntaxia

  2. Gerda Steger sagt:

    gedankennotiz

    pflücke die früchte
    der nacht halte still
    die grazilen fäden traum
    fest in deiner hand
    fürs sanft leise hinüber
    gleiten in den alltagsstaub –
    lausche diesen still
    lauten klängen im
    blauenden licht!

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